Crossroads GmbH , Frankfurter Str. 68, 42579 Heiligenhaus
   Montag, 21. Mai 2012   02:35:18Uhr       5 User online


Jürgen Meyer

Katuuik, An der Biegung des Flusses - Kettwiger Geschichten


Dickes vom Schlanken

Seit 120 Jahren besteht das "Lokal". Generationen von durstigen Kettwigern kriegten an der Ecke von Haupt- und Wilhelm-Straße die Kurve nicht. Sie nahmen die Abkürzung vorbei an der "Nordkurve", dem berühmtesten Teil der Theke von Laupenmühlen.

Der Name Laupenmühlen hat Tradition in Kettwig, seit im November1872 der Bäckermeister Wilhelm Laupenmühlen von der Pierburg in die Stadt zog, um an eben jener heute noch berüchtigten "Stolperecke" für Zecher - zuerst einmal eine Bäckerei zu eröffnen. Ab1884 gab es eine Konzession für eine kleine Schankwirtschaft, die später dann führend wurde in der Kettwiger Kneipenszene. Gab's Bierpreiserhöhungen, war die erste Frage unter Kettwiger Zechern die: "Wat nimmt der Schlanke?"

"Der Schlanke" - der Name wurde zum Begriff im Kettwiger Leben, über die Theken hinweg. Wie kam's zu dem Namen?

Heinz Laupenmühlen, dritter und letzter Wirt in der Dynastie der Laupenmühlen bis 1978, erzählt da am besten selbst: "1910 übernahm mein Vater Wilhelm die Gastwirtschaft und Bäckerei. Bald hieß er nur noch der Schlanke. Schneider Katz aus der Hippenstrot hatte ihm den Namen verpaßt. Warum, weiß ich auch nicht mehr so genau."

Laupenmühlen Wahrscheinlich, weil Wilhelm der Schlanke so clever und wendig und geschäftstüchtig war. Mehrfach baute er seine Gastwirtschaft um, sorgte für Attraktionen wie die des Dauerklavier-Weltmeisters Heinz Arndt - die größte Attraktion aber war der Schlanke selbst, der sich immer etwas Neues einfallen ließ. Zu gerne schloß er dabei "sportliche" Wetten ab wie die mit Klempner Klövers, einem kleinen Dicken, mit dem er ein Wettrennen bis zum Deutschen Haus und zurück machte. Klar, wer gewann - der Schlanke!

Der war nicht nur ein Original, sondern auch Respektsperson. Als Wirt hatte er so seine eigenen Methoden. Wollten die "Kunden" zu später Stunde nicht von der Theke weichen, holte er einen leeren Mehlsack aus der Backstube und drosch damit auf den erstbesten Zecher ein. Die anderen rannten fluchtartig aus der Kneipe. Sie wollten zu Hause nicht noch eine Abreibung riskieren, wenn sie zusätzlich zur Fahne auch noch mit "geweißten" Anzügen anmarschierten.

Das ausgleichende Element zum "wilden" Schlanken war Anne, seine Frau. Die wurde in Kettwig nur "Tante Anne" genannt. Was der Schlanke für die Zecher, das war sie für die Liebespärchen, die sich in der Schmuse-Ecke der "Blauen Maus" tief in die Augen blickten. Heinz Laupenmühlen heute: "Meine Mutter war der gute Geist des Hauses neben zwei so wilden Jungs wie meinem Vater und mir."

 Tradition verpflichtet. 1945 übernahm Heinz Laupenmühlen vom Vater die Gastwirtschaft, den Spitznamen und die Originalität. Nur eins wurde beim Schlanken II. zum Tabu erklärt: Nach dem letzten schlimmen Krieg wollte er an der Theke nichts mehr davon hören. Sein Leitsatz: Supp dich voll und frett dich dick und halt die Schnut von Politik.

In der "Nordkurve" mit gut einem Dutzend Stammstehplätzen wurde vornehmlich über Sport und den KTV gefachsimpelt. Ein Wunder bei diesem Wirt? Heinz Laupenmühlen spielte schließlich lange Jahre mit dem KTV in der Handball Oberliga, der höchsten deutschen Spielklasse.

Sportliche Wetten kamen da natürlich auch nicht zu kurz.Laupenmühlen2Da waren Wettrennen mit dem Schlanken durch halb Kettwig angesagt, die der wie immer adrett und propper mit weißer Kellner-Jacke austrug. Da wurden Runden ausgespielt, bei denen Zecher an der berühmten Säule vor der Theke hochklettern und mit der flachen Hand unter die Decke klatschen mußten. Zur Schikane war die Säule vorher fix noch mit Schmierseife eingeschmiert worden. Da machte der Schlanke die Flanke über die Theke oder die Grätsche über den Billardtisch - bis zum 38. Lebensjahr war der sportliche Wirt als Handballer aktiv.

Verdammt lang her! Der Schlanke ist 75 und verständlicherweise etwas in die Breite gegangen. Die Kneipe ist verpachtet und der Billardtisch steht jetzt in einem Laden am Schalker Markt. Doch regelmäßig Montags trifft sich Heinz Laupenmühlen mit alten Freunden zum Stammtisch - beim Schlanken. So heißen Kneipe und Restaurant immer noch. Da werden dann alte Geschichten aufgetischt wie diese:
Einige Tage beobachtete der Schlanke von seiner Theke aus, wie sich an einem Seitenweg neben der Fabrik Kehrs (heute Karstadt) mittags regelmäßig ein Pärchen traf. Am vierten Tag handelte Heinz Laupenmühlen. Er zapfte zwei Pils, stellte sie aufs Tablett, nahm noch zwei Stühle mit und "beglückte" damit das junge Glück, das darob so beglückt nun auch wieder nicht war: Die Dame war nämlich verheiratet und hatte sich bis dahin total unbeobachtet gefühlt.

Dickes vom Schlanken - er hat da noch so viel zu erzählen. Denn er war nun mal eins jener Kettwiger Originale, wie sie der Heimatdichter Wilhelm Sengelmann-Eichholz vor 100 Jahren schon im Gedicht "Kettwäg" beschrieb. Ich sage bewußt war. Denn viele wirklich echte Originale "blühen" heute ja hier nicht mehr . . .

INDEX DER KETTWIGER GESCHICHTEN | JÜRGEN MEYER

 


© 1997-2007 CrossRoads GmbH