Jürgen MeyerKatuuik, An der Biegung des Flusses - Kettwiger Geschichten
Dickes vom Schlanken Seit 120 Jahren besteht das "Lokal". Generationen von durstigen Kettwigern kriegten an der Ecke von Haupt- und Wilhelm-Straße die Kurve nicht. Sie nahmen die Abkürzung vorbei an der "Nordkurve", dem berühmtesten Teil der Theke von Laupenmühlen. Der Name Laupenmühlen hat Tradition in Kettwig, seit im November1872 der Bäckermeister Wilhelm Laupenmühlen von der Pierburg in die Stadt zog, um an eben jener heute noch berüchtigten "Stolperecke" für Zecher - zuerst einmal eine Bäckerei zu eröffnen. Ab1884 gab es eine Konzession für eine kleine Schankwirtschaft, die später dann führend wurde in der Kettwiger Kneipenszene. Gab's Bierpreiserhöhungen, war die erste Frage unter Kettwiger Zechern die: "Wat nimmt der Schlanke?" "Der Schlanke" - der Name wurde zum Begriff im Kettwiger Leben, über die Theken hinweg. Wie kam's zu dem Namen? Heinz Laupenmühlen, dritter und letzter Wirt in der Dynastie der Laupenmühlen bis 1978, erzählt da am besten selbst: "1910 übernahm mein Vater Wilhelm die Gastwirtschaft und Bäckerei. Bald hieß er nur noch der Schlanke. Schneider Katz aus der Hippenstrot hatte ihm den Namen verpaßt. Warum, weiß ich auch nicht mehr so genau."
Der war nicht nur ein Original, sondern auch Respektsperson. Als Wirt hatte er so seine eigenen Methoden. Wollten die "Kunden" zu später Stunde nicht von der Theke weichen, holte er einen leeren Mehlsack aus der Backstube und drosch damit auf den erstbesten Zecher ein. Die anderen rannten fluchtartig aus der Kneipe. Sie wollten zu Hause nicht noch eine Abreibung riskieren, wenn sie zusätzlich zur Fahne auch noch mit "geweißten" Anzügen anmarschierten. Das ausgleichende Element zum "wilden" Schlanken war Anne, seine Frau. Die wurde in Kettwig nur "Tante Anne" genannt. Was der Schlanke für die Zecher, das war sie für die Liebespärchen, die sich in der Schmuse-Ecke der "Blauen Maus" tief in die Augen blickten. Heinz Laupenmühlen heute: "Meine Mutter war der gute Geist des Hauses neben zwei so wilden Jungs wie meinem Vater und mir." Tradition verpflichtet. 1945 übernahm Heinz Laupenmühlen vom Vater die Gastwirtschaft, den Spitznamen und die Originalität. Nur eins wurde beim Schlanken II. zum Tabu erklärt: Nach dem letzten schlimmen Krieg wollte er an der Theke nichts mehr davon hören. Sein Leitsatz: Supp dich voll und frett dich dick und halt die Schnut von Politik. In der "Nordkurve" mit gut einem Dutzend Stammstehplätzen wurde vornehmlich über Sport und den KTV gefachsimpelt. Ein Wunder bei diesem Wirt? Heinz Laupenmühlen spielte schließlich lange Jahre mit dem KTV in der Handball Oberliga, der höchsten deutschen Spielklasse. Sportliche Wetten kamen da natürlich auch nicht zu kurz. Verdammt lang her! Der Schlanke ist 75 und verständlicherweise etwas in die
Breite gegangen. Die Kneipe ist verpachtet und der Billardtisch steht jetzt in einem Laden am Schalker Markt. Doch
regelmäßig Montags trifft sich Heinz Laupenmühlen mit alten Freunden zum Stammtisch - beim Schlanken.
So heißen Kneipe und Restaurant immer noch. Da werden dann alte Geschichten aufgetischt wie diese:
Dickes vom Schlanken - er hat da noch so viel zu erzählen. Denn er war nun mal eins jener Kettwiger Originale, wie sie der Heimatdichter Wilhelm Sengelmann-Eichholz vor 100 Jahren schon im Gedicht "Kettwäg" beschrieb. Ich sage bewußt war. Denn viele wirklich echte Originale "blühen" heute ja hier nicht mehr . . . |